Ecuald

S.H. der XVII. GYALWANG KARMAPA über GURU YOGA – LEHRER-SCHULER VERBINDUNG

Ein ganzes Jahr ist es her, dass Seine Heiligkeit der XVII. Gyalwang Karmapa auf seinem Deutschlandbesuch am Nürburgring zum Thema Lehrer-Schüler Verbindung sprach.
Hier nun das Bemühen, einer seiner wichtigsten Reden, die er in Deutschland hielt, Geltung und Wertschätzung zu verschaffen:

S.H. der XVII. GYALWANG KARMAPA über
GURU YOGA – LEHRER-SCHÜLER VERBINDUNG

Karmapa best 8

Guru Yoga, die Verbindung zwischen Lehrer und Schüler, hat sich innerhalb der Kagyü Überlieferung als etwas Außerordentliches herausgestellt.
In der Kagyü Linie wurde erstmalig die Tradition des Wiedererkennens eines hohen Lamas nach seiner Wiedergeburt entwickelt.
Der am weitesten bekannte unter den Karmapas ist der dritte Karmapa. Er war die erste öffentlich anerkannte Wiedergeburt eines Lamas.
Hier ist also die Rede von der Kontinuität der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.
Sie ist die Weiterführung der Fürsorge des Lehrers für die Schüler, um sich im nächsten Leben wiederum der Schüler anzunehmen.
Es ist also an den Schülern des verstorbenen Lehrers gelegen, darum zu bitten, dass seine Wiedergeburt gefunden werde.
Wenn so ein Lehrer aus der Welt geht, dann werden sich seine Schüler darum bemühen, seine Verkörperung wiederzufinden, damit dieser neue junge wiederverkörperte Lehrer erneut die Aktivität und Fürsorge des früheren Lehrmeisters fortsetzen kann.
Und auch dieser wird dann die Wiederverkörperung seiner Schüler erkennen, so dass sich daraus ein kontinuierliches System von Lehrer –Schüler-Beziehung von Leben zu Leben entwickelt.
Dies ist etwas Einzigartiges, das auf die Tradition der Karmapas zurückgeht.
So bin ich als der 17. Karmapa gefunden worden, setze die Aktivitäten des 16. Karmapa fort und bin aufgrund der karmischen Verbindung jetzt wieder nach Europa gelangt.
Es ist der Ausdruck der Kontinuität einer Verbindung, einer profunden, tiefgründigen Verbindung, eine, die nicht durch Geburt, Tod und Zwischenbereich unterbrochen wird. So kann ich mich erneut um die Karma Kagyü Tradition und ihre Zentren kümmern.
Es handelt sich um eine tiefe und starke Kontinuität der Verbindung zwischen Schüler und Lehrer, die nicht durch Geburt, Tod und Zwischenbereich unterbrochen werden kann.
In diesem Sinne ist das, was man als Guru Yoga bezeichnet, ein Ausdruck dieser intensiven Verbindung zwischen Lehrer und Schüler.
Guru Yoga ist tiefgründig und von größter Wichtigkeit.
Es ist mehr als nur die körperliche Verbindung von Lehrer und Schüler in dem Sinne, dass man miteinander redet.
Es ist eine geistige Verbindung in Hinblick auf das tiefgründige Erkennen wahrer Bedeutung.
Eine Verbindung, die die beiden Arten von Nutzen, nämlich den für einen selbst und den für die anderen in sich birgt.
So ist das Üben von Guru Yoga etwas, dass diese Verbindung zwischen Lehrer und Schüler auf intensive Weise fördert.
Es ist nicht nur die körperliche Verbindung, durch das miteinander Sprechen.
1
Es ist eine innere geistige Verbindung tiefgründiger Art, die sehr privat, die sehr intim ist, die über Lebenszeiten hinaus weiter verläuft.
Darin ist diese kostbare Verbindung zwischen Lehrer und Schüler im Wesentlichen beschaffen.
Es sind das Mitgefühl und die Segenskraft des Lehrers und die Hingabe und die Wertschätzung des Schülers, aus denen heraus die Verbindung genährt wird. Was ist dieses Mitempfinden des Guru, des Lehrers?
Es ist sein liebevolles Verhältnis zu seinem Schüler.
Wir kennen in diesem Leben viele Ausdrucksformen von Liebe und Mitgefühl, Liebe zu den Eltern, Liebe zu den Kindern, Liebe zwischen Freund und Freundin.
Dies alles sind Ausdrucksformen von Freundlichkeit und Liebe.
Was ist nun die Liebe zwischen Lehrer und Schüler, die von außerordentlicher Wichtigkeit für das Üben des Dharma ist?
Die Liebe zwischen Lehrer und Schüler ist nicht eine weltliche Liebe der Kategorie, in dem der eine nett zu mir ist und der andere nicht, der hat mir dies erklärt, der andere nicht. Bei einer solchen handelt es sich um eine weltliche Kategorisierung in Zuneigung und Abneigung.
Die Güte und Liebe des Lehrers zum Schüler sollten wir jedoch auf tiefgründige Weise verstehen, weil es so viele Möglichkeiten der Betrachtung gibt.
Manchmal kommt es uns so vor, als ob es eine weltliche Art von Zuneigung sei.
Dann haben wir die Idee, dieser Lehrer gibt mir mehr Zuneigung, der andere weniger, dieser erklärt mir mehr, also muss er gütiger sein.
Und wiederum ein anderer gibt mir weniger Aufmerksamkeit.
Solche Ideen können sich entwickeln.
Deswegen ist es wichtig, dass wir tatsächlich begreifen, was die wahre Art liebevoller Verbindung zwischen Lehrer und Schüler ist.
Wenn wir von Liebe zwischen Lehrer und Schüler sprechen, bezieht es sich auf die Erfahrung, die wir mit Problemen, Belastungen oder Leid haben.
Auch wenn wir Freude haben, dann ist diese Freude vorübergehend und ändert sich wieder.
Was sich als Freude äußert, auch das ist ein Problem oder eine Belastung für uns.
Es gilt zu erkennen, dass grundsätzlich auf uns eine Belastung durchdringender, allgegenwärtiger Art liegt.
Sie liegt schon allein darin begründet, dass wir den Samen, das Potential von Schmerz und Leid jetzt und hier durch die Art, wie wir in die Welt eingebunden sind, in uns tragen. Auf die Beschaffenheit von Leid und Belastung, der wir alle auf dreifache Weise unterworfen sind, bezieht sich die Liebe des Guru zu seinen Schülern.
Die Liebe des Guru besteht darin, dass er uns in unserem Leid und mit unserer Belastung erkennt.
Wenn wir über Leiden und Belastung sprechen, dann ist es nicht das vorübergehende Gefühl von Schmerz, das sich als Leiden anfühlt.
Dies ist die eine Art von Leiden, die uns widerfährt, wenn wir zum Beispiel durch Schmerz und unangenehme Gefühle heimgesucht werden, wie bei einer Krankheit.
Und auch darüber hinaus, wenn wir uns ganz fröhlich und heiter fühlen, selbst dann, wenn wir uns in einem angenehmen Geisteszustand wähnen, ist das auch schon eine Belastung, weil darin bereits die Veränderung angelegt ist und dieser Zustand nicht zu halten sein wird.
2
Dann gibt es noch die dritte Art, die grundlegender, allgegenwärtiger Natur ist, dass nämlich alles der Vergänglichkeit unterworfen ist und alles das Potential von Leid und Belastung in sich birgt.
Diese drei Arten von Belastung werden von allen Lebewesen erfahren.
Nun richtet sich die Liebe und Güte des Lehrers nicht darauf, uns vorübergehend aus einem Zustand von Unwohlsein zu befreien.
Es geht nicht darum, dass wir vorübergehendes Wohlgefühl körperlicher Art, das wir als Freude betrachten, erleben.
Es geht nicht darum, dass etwas sich als Erfolg entwickelt, das dann doch wieder Leiden enthält.
Sondern es geht um die Wurzel, den Samen, das Potential aller Belastung allen Leides. Sich davon zu lösen, sich daraus zu befreien, darauf richtet sich die Liebe des Lehrers.
Zu heilen, zu helfen ist die Absicht des Mitempfindens des Lehrers, ist der Sinn seiner Liebe, die sich auf die Schüler richtet, wenn wir davon sprechen, uns aus dem Leid von Samsara zu befreien.
Dies ist in der Tat sehr wichtig für unsere Übung auf dem Weg zur Befreiung.
So ist die Liebe des Guru nicht darauf gerichtet, uns aus dem vorübergehenden Zuständen von Unwohlsein heraus in einen Zustand vorübergehender zeitweiliger Freude zu versetzen, uns zu weltlichem Erfolg, Ruhm und Ehre zu verhelfen.
Diese sehen so aus , als ob sie Freude und Heiterkeit brächten, aber sie enthalten schon das, was auch ihr Ende und den Übergang in Leid und Probleme bewirkt.
Die eigentliche Güte, das Mitgefühl des Lehrers besteht darin, zu helfen, dass die Wurzel, die Ursache, der Samen jedweder Belastung, entfernt wird.
Das ist die eigentliche Absicht des Lehrers.
Dies sollten wir wissen, wenn wir Unterweisungen des Lehrers empfangen.
Seine Herzensabsicht, sein letztliches Ziel ist, uns aus jedweder Form von Leiden zu befreien, die Wurzel jeder Belastung zu durchtrennen.
Von der Seite des Schülers her ist die Rede von Hingabe und Wertschätzung.
Was verstehen wir darunter?
Da gibt es zwei Dinge, die darin wichtig sind.
Das eine ist eine Art Sehnsucht, ein Herzenssehnen.
Das andere ist so etwas wie Wertschätzung oder Respekt.
Die Hingabe vonseiten des Schülers ist von zweierlei Bedeutung, zum einen das Herzenssehnen und zum anderen der Respekt.
In der einen Hinsicht ist der Lehrer so etwas wie ein Vorbild, worauf sich unser Wunsch und unsere Herzenssehnsucht richtet.
Er ist eine Inspiration für uns, ein Vorbild, das besondere Qualitäten für uns verkörpert, der uns fasziniert in der Weise, wie er oder sie ist, wie wir diese Qualitäten erfahren.
Wir sind sozusagen von den Qualitäten fasziniert, die nichts damit zu tun haben, ob jemand gut aussieht, wohlgeformt ist und eine gute Ausstrahlung hat.
Nicht die körperlichen Qualitäten, sondern die inneren Qualitäten sind es, die uns faszinieren.
Die Hingabe des Schülers hat diese zwei Aspekte.
Wenn wir einen Lehrer haben, der qualifiziert ist, ist er für uns eine Inspiration.
Er hat Eigenschaften und Vorzüge, die über unsere hinausgehen und die uns in dieser Weise ermutigen und anspornen, die unser Herz berühren, als ob wir uns in diese Qualitäten sozusagen verlieben.
3
Es geht nicht um das äußere charismatische Auftreten von Körper, Farbe und Form, sondern um die inneren Qualitäten, Liebe, Freundlichkeit und so weiter.
Wenn wir von solchen Qualitäten fasziniert sind, dann werden wir Wertschätzung, eine große Offenheit, dafür haben, genau solche Qualitäten in uns selbst auch hervorzubringen.
Wenn wir solcherart ermutigt sind, verspüren wir den Wunsch, auch solche Qualitäten in uns selbst zu entwickeln.
Mit Respekt ist nicht die äußere Form des Umgangs gemeint, das Protokoll, die Etikette. Das sieht man schon daran, dass die Menschen aus dem Westen nicht gleich mit den tibetischen und die Tibeter nicht gleich mit den westlichen Arten des Ausdrucks von Respekt vertraut sind.
Darüber hinaus geht es darum, dass es dem Schüler in Bezug auf den Lehrer ein tiefer Wunsch ist, all dieses Wertvolle, das von dem Lehrer zu lernen ist, in eigene Erfahrung umzusetzen.
Das ist der eigentliche Ausdruck von Respekt oder Wertschätzung.
Mit dieser Art von Verständnis wird eine natürliche Wertschätzung entstehen.
Das hat nichts damit zu tun, dass wir nur äußerlich den Lehrer preisen oder verschiedene Formen körperlichen Ausdrucks von Respekt zeigen.
Es geht nicht um kulturell bedingt unterschiedliche äußere Formen des Respekts, sondern es geht um die innere Wertschätzung dieser Qualitäten, die wir tatsächlich in uns wachrufen wollen.
Die wahre Form der Wertschätzung besteht darin, so viel wie möglich dieser Qualitäten in uns aufzunehmen.
In der Kagyü Überlieferung ist davon die Rede, dass der Guru der Träger einer solchen Überlieferungslinie ist, dass er großes Mitgefühl hat und großes tiefes Verstehen, dass er geschult ist in der Art, wie es die Vorväter der Linie in einer unmissverständlichen Weise gelehrt haben, so dass dann auch der Schüler in die Lage versetzt werden kann, in unmissverständlicher, fehlerfreier Weise zu üben; darauf richtet sich das Mitgefühl des Lehrers.
Deshalb ist die Überlieferungslinie der Kagyü solcherart, dass der Lehrer zuerst in all diesen Qualitäten vollständig ausgebildet ist, in eigener Erfahrung diese Qualitäten verkörpert, sodass dann auch der Schüler solche Qualitäten in sich wachrufen und stärken kann.
Diesen Prozess nennt man das Empfangen von Ermutigung oder von Segenskraft, die in einer solchen Überlieferung weitergegeben wird.
Das zu trainieren und zu fördern ist das, was als Kagyü Überlieferung bekannt ist.
Wenn wir von Segen reden, so verstehe ich Segen als Ermutigung.
Was wir mit Segen bezeichnen, ist nichts Greifbares, Sichtbares, Fassbares.
Es ist nichts, was man jemandem aushändigen oder übergeben könnte.
Wenn Kinder in der Nähe ihrer Eltern sind, so haben sie ein Gefühl, durch deren Nähe geschützt zu sein.
Das genau ist es, da gibt es nichts daran zu sehen oder zu fassen.
Und doch ist es unmissverständlich da.
Das könnte man auch als Segen bezeichnen.
Auch ich habe das einige Male in meinem Leben in Gegenwart wahrhaftiger Persönlichkeiten erfahren. Am Anfang, als ich sie traf, hatte ich ein Gefühl voll innerer Besorgnis und Belastung.
Nach dem Treffen war da ein Wandel.
4
Da waren diese Belastungen nicht mehr so spürbar.
Man könnte sagen, das war der heilsame Einfluss dieser Begegnung.
In Gegenwart solcher großartiger Persönlichkeiten ist das gewissermaßen eine Inspiration, eine Ermutigung, erfahren zu haben.
Insofern ist Segen nichts Festes, Fassbares.
Es ist so, dass das Mitgefühl des Lehrers ganz allmählich auch in dem Schüler Einzug hält, dass sich auch dort Mitgefühl und Qualitäten entwickeln.
Ich denke, das ist Segen.
Segen ist eigentlich, dass ein Guru ganz viel Mitempfinden hat und all die weiteren wunderbaren Qualitäten.
Dann werden Schüler allmählich, Schritt für Schritt einen Teil dieser Qualitäten in sich aufnehmen, diese Qualitäten in sich selber stärken; das ist nach meinem Verständnis Segen.
Darüber hinaus weiß ich nicht, was Segen sein soll.
Wenn jemand Segen als Gegenstand hätte, den man übergeben könnte, ich wüsste nicht, was das sein sollte.
Heute im Zeitalter des Materialismus denken viele Leute, man müsse immer etwas vorzeigen, etwas sehen oder erhalten können.
Im Dharma gibt es nichts, was man übergeben könnte, jedenfalls materiell gesehen, es ist etwas, das sich in der eigenen Erfahrung entwickelt.
In diesem 21. Jahrhundert sind wir grundsätzlich so eingestellt, dass wir alles in materieller Hinsicht sehen und wir denken bei Segen an etwas, das dort zu erbitten und zu empfangen ist und dass wir das dann bekommen und erhalten hätten, im Sinne von Haben.
Aber Segen ist nicht etwas, das übergeben wird und dann ist es vorbei.
Segen ist eine Kraft, die sich langfristig allmählich aufbaut.
Vielleicht haben wir den Guru vor drei Jahren getroffen und dabei eine bestimmte Erfahrung gehabt. Und lange Zeit geschieht nichts.
Und wir glauben vielleicht, dass das Treffen mit dem Guru nicht speziell war.
Plötzlich fällt uns nach drei Jahren diese eine Begegnung ein.
Und plötzlich spüren wir, dass da etwas passiert ist, etwas, das uns beeinflusst hat.
So braucht es manchmal lange, lange Zeit.
Es ist nicht die materielle Art und Weise des Umgangs mit Dingen.
Dharma-Üben ist anders als das Übergeben und Entwickeln von Dingen.
Vielleicht haben wir manchmal nicht genügend Geduld und Beharrlichkeit.
Wir wollen etwas von unserem Lehrer haben und greifen können.
Und der Lehrer gibt es in dieser Form nicht.
Es ist etwas, das sich langsam und stetig in unserer Erfahrung entwickelt, namlich diese Qualitäten des Guru in uns zu absorbieren.
So ist dieses Guru Yoga so etwas, das wir dann wie ein Ritual durchführen, wobei das Wort Yoga, Naljor, etwas ist, das wir als ein Ritual betrachten.
Wir denken, jetzt haben wir es so und so viele Male gemacht und jetzt ist es gut.
Das Wort Yoga in Guru Yoga suggeriert, dass es eher wie ein Ritual durchzufuhren ist. Guru Yoga ist jedoch in seiner eigentlichen Essenz eine innere Art der Ubung.

Diese Lehrrede des XVII. GYALWANG KARMAPA wurde von Christoph KLONK ins Deutsche gesprochen, von Jobst Koss transskribiert und geringfügig redigiert. Einleitung und Schlussteil wurden, weil nicht wesentlich zum Thema gehörend, weggelassen. April 2015

Laisser un commentaire

Votre adresse de messagerie ne sera pas publiée. Les champs obligatoires sont indiqués avec *